Burnt out


Erschöpft fühlen sich Menschen nach großen Anstrengungen. Normalerweise erholt man sich über Nacht, am Wochenende, spätestens im Urlaub. Den Begriff „ausgebrannt“ benutzen wir dann, wenn die Regenerationszeiten nicht mehr ausreichen. Psychologischer Widerstand, innere Panik beim Gedanken an die Arbeit, Wochenend-Erkrankungen, körperliche Symptome am Sonntagabend – das sind Warnzeichen, die eine ernste Form der Überforderung andeuten.

Arbeit ist nicht grundsätzlich erschöpfend – sie liefert auch Erfolgserlebnisse und stärkt damit unser Ich. Dies klappt jedoch nur, wenn der Mensch seine Aktivitäten im Einklang mit seinen Zielen leben kann. In Mobbingsituationen, in repressiver Umgebung läuft Aktivität ins Leere, die Hamsterrad-Situation zehrt an den Kräften. Offenbar neigen bestimmte Berufsgruppen mehr als andere zum Burnt-out-Syndrom. Berufe mit hoher sozialer Verantwortung sind besonders betroffen vom: Lehrer, Ärzte, Mütter, Sozialarbeiter, Mitarbeiter in der Sozialverwaltung, im Justizvollzug u.ä. Neben den individuellen Problemen tragen strukturelle Gründe (z.B. Überforderung durch Schülerzahl, zu viele nicht deutsch sprechende Schüler in der Klasse u.v.a.) zur Auszehrung bei.

Der Prozeß des „Ausbrennens“ hat zumeist viele Ebenen. Neben den psychologischen Gründen wirken sich körperliche Vorgänge verschlimmernd aus. Wiederkehrende Entzündungen, Schmerzzustände, unausgeheilte Erkrankungen verringern die Widerstandskräfte. Der Verschlimmerung des Zustandes stemmt sich der Betroffene meist mit Disziplin entgegen; eine Weile läßt sich dadurch der wahre Zustand verschleiern. Doch irgendwann bricht die Gegenwehr zusammen: für Außenstehende unvermutet erfolgt der Kräfteeinbruch und wird von außen häufig als Lustlosigkeit oder gar als unkollegiales Verhalten diskreditiert.

Dabei trifft es besonders motivierte, leistungsbereite Menschen, – nicht diejenigen, die in der Arbeit nur einen Job sehen, sondern diejenigen, die zunächst in ihrem Beruf aufgegangen sind, die sich mit der Aufgabe identifizieren. Ist es denn so falsch, sich zu engagieren? Bleibt man gesünder, wenn man nur das Nötigste tut? Sicher nicht – ebenso wenig, wie Erfolg grundsätzlich krank macht.

Unbewußt definieren wir unsere Leistungsfähigkeit und dosieren daraus unseren Kräfteeinsatz. Wir wissen, wie viel Schlaf wir brauchen, wie viel wir uns körperlich zumuten dürfen, wie dicht wir Sozialkontakte aushalten können. Wenn wir das, was „immer gegangen ist“, nicht mehr vertragen, beginnen wir zu rechnen, wie alt wir denn inzwischen geworden sind. In der Tat: die kraftraubende Lebensweise des 30jährigen entspricht dem 45jährigen nicht mehr. Das Älterwerden ist jedoch ein langsamer, kontinuierlicher Prozeß, in dem sich Ziele verändern und Kräfte ökonomischer eingesetzt werden. Diese Entwicklung führt nicht regelmäßig zum Gefühl des Schwächerwerdens; wer sich alt fühlt, der lebt nicht im Einklang mit sich und seinem Beruf.

Beruflich sinnstiftend ist das Gefühl von Autonomie. Der junge Lehrer muß sich anpassen und bewähren, der ältere Lehrer ist verbeamtet und etabliert. Eine Motivationsebene geht vom „ich will in den Staatsdienst“ über „ich will problemlos meinen Unterricht gestalten“ zum „ich will meine Pension genießen“. Eine andere Motivationsebene betrifft vielleicht die pädagogischen Ziele: vom „ich will ein guter Lehrer sein“ über „ich entwickle meinen persönlichen Stil“ bis zum „ich kann meinen Schülern etwas beibringen“ läuft ein sich selbst motivierender Prozeß ab, der mit beruflicher Autonomie verbunden ist – wenn nicht die Auseinandersetzung mit Kollegen, Eltern oder der gesellschaftlichen Stimmung dies verleiden. So werden Kränkungen durch die Schulleitung, die Überforderung durch schwierige Klassenverbände, gesellschaftliche Vorurteile zu Einflüssen, die den Beruf verleiden und inneren Widerstand auslösen. Der Beruf des Lehrers ist – wie jeder andere Sozialberuf – ohne die „Konzeption des Sinnhaften“ nicht zu machen; wer nur reagiert und sich in die Arbeit schleppt, der brennt zwangsläufig aus.

So ist es schon von gesellschaftlicher Relevanz, daß bestimmte Berufsgruppen ganz besonders vom Burnt-out-Syndrom befallen sind. Früherkennungsprogramme könnten helfen, gefährdete Personen rechtzeitig zu erkennen. Supervision könnte das Ausbrennen verhindern und würde Arbeitskraft erhalten, ist jedoch in vielen Bereichen alles andere als selbstverständlich.

Die Diagnose wird meist viel zu spät gestellt. Über Monate und Jahre kann sich der quälende Prozeß hinziehen: der innere Kampf zwischen Disziplin, verpfuschter Motivation und gebrochener Autonomie ist meist eine einsame, nach außen unterdrückte Angelegenheit. Selbst enge Angehörige verkennen meist die Notlage des Betroffenen, die sich hinter Anflügen von Zynismus, negativen Gedanken und schließlich zunehmender Somatisierung verbirgt. Die meisten Betroffenen kämpfen lange und wissen im Grunde, daß sie der Hilfe bedürfen, aber sie verbergen den Zustand vor sich und der Umwelt – bis die Diagnose endlich gestellt wird und die therapeutische Hilfe angenommen werden kann, vergeht viel Zeit.

Viele Menschen weichen der Diagnose aus, indem sie schwer körperlich krank werden. Krebskranke Menschen beschreiben häufig die krankmachende Situation als ausweglos und gestatten sich die Auszeit erst durch die schwere körperliche Erkrankung. Die Flucht in den Tumor – der einzige Ausweg? Das „Burnt-out“-Syndrom ist keine Bagatellose, keine gesellschaftliche Modeerscheinung. Es rechtzeitig zu erkennen und einer grundlegenden Therapie zuzuführen, ist für den Betroffenen und sein soziales Umfeld ebenso schwierig wie dringlich.

Die Behandlung eines Burnt-out-Syndroms braucht Zeit, viel Zeit. Und sie braucht einen Neubeginn. Als Initialzündung ist der Wechsel des Umfeldes unverzichtbar, die Geborgenheit einer Klinik verhilft, die Situation aus der Distanz zu erleben und zu begreifen. Kreative Kräfte entstehen erst wieder im Freiraum von Zeit und Ort

Die chinesische Medizin bietet ein umfangreiches Konzept für das Verständnis und die Therapie von Burnt-out-Syndromen. Die Behandlung beginnt mit einer mindestens einstündigen biographischen Anamnese, bei der die Vorgeschichte der aktuellen sowie früherer Erkrankungen analysiert wird. Die genaue Befragung hinsichtlich aller vegetativen Funktionen ergibt eine präzise Darstellung der möglichen Gesundungsressourcen. Puls- und Zungendiagnose geben die Reaktionslage des Organismus wieder. Alles zusammen ergibt ein tagesaktuelles Persönlichkeitsprofil, in dem sich die Krankheit und Gesundungschancen abbilden.

Für die Therapie setzt die chinesische Medizin auf ein breites Spektrum an Maßnahmen, die Heilungsvorgänge in Gang setzen können. Heilpflanzen sind in der Lage, den Organismus zu regulieren und die Heilungsvoraussetzungen zu schaffen: erquickenden Schlaf, geregelte Verdauungsfunktionen, Konzentration und Kreativität, Leistungsbereitschaft und Ruhe. Viele zusätzliche Therapien verbessern den Gesamtzustand, z.B. Energiemassagen, die den Organismus lockern und mobilisieren. Die Akupunktur lindert Schmerzen und mobilisiert verspannte Muskeln. Qigong und Atemtherapie helfen, die innere Ruhe zu finden und Tiefenregeneration zurückzugewinnen. Die Patienten werden begleitet durch ein psychotherapeutisches Coaching, bei dem Strategien erarbeitet werden, wie die wiedergewonnenen Kräfte bewahrt und eingesetzt werden.

Der ausgebrannte Mensch braucht den Neuanfang. Das Risiko dieser Krise besteht darin, Dinge verändern zu wollen. Die Voraussetzung für eine fundierte Entscheidung ist das Wiederfinden von Kräften, die innere Ruhe, in der sich die Ziele wieder neu und klar erschaffen, die innere Dynamik, die es erlaubt, Kräfte zu steuern und zu dosieren. Viele Betroffene haben sich mit der Situation abgefunden und können sich diesen Zustand gar nicht mehr vorstellen. Wenn der Betroffene sich selber nicht mehr helfen kann, braucht er den Anstoß von außen, um Heilung an sich geschehen zu lassen.